Edmund Becker & Co.
| Standort/Adresse | Junghanßstraße 1, 04179 Leipzig |
| Ortsteil | Leutzsch |
| Standort historisch | Hohe Straße 7, Leutzsch |
| Gemarkung und Flurstück | Leutzsch Flur 25 |
| Firmen-Bezeichnung | 1883 Edmund Becker & Co KG 1931-1934 Eisen- und Elektrongießerei GmbH Leipzig (Auffanggesellschaft) 1934 Becker und Co. AG ab 1948Teil der VVB GUS, Leipzig ab 1955Teil des VEB Metallguß Leipzig |
| Datierung | gegründet 1883 |
| Industriezweig/Branche | Metallerzeugung und -bearbeitung; Eisengießerei und Nicht-Eisen (NE)-Gießerei |
| Objektgröße | Grundstück: 13.910 m²; 1910: rund 60 Angestellte und 500 Arbeiter |
| Denkmalstatus | Obj.-Dok.-Nr. 09292000 (Villa) Obj.-Dok.-Nr. 09292117 (Fabrikgebäude) |
Bau- und Unternehmensgeschichte
Im Jahr 1883 wird die Firma Edmund Becker & Co. in der Junghanßstraße in Leutzsch gegründet, 1894 wird sie zu einer Kommanditgesellschaft (KG). Anfangs produziert die Firma Haus- und Küchengeräte aus Gusseisen sowie Grauguss (Gusseisen mit Lamellengrafit), deren Hauptabnehmer kleine Maschinenfabriken sind. 1910 arbeiten im Betrieb über 500 Menschen. Intern herrscht eine klare Trennung zwischen Gießereibetrieb und Formerei, in der die Gießformen gefertigt werden.

Der Diplomkaufmann Ernst Härtwig übernimmt 1911 die kaufmännische Leitung der Firma – er ist ein Schwiegersohn des Firmengründers Edmund Becker. Der Gießereiingenieur Karl Michler tritt 1914 mit nur 25 Jahren als weiterer Schwiegersohn in die Geschäftsleitung der Firma ein. Er übernimmt die technische Leitung der Firma und richtet die Gießerei vollkommen neu aus. Daraufhin folgt ein wirtschaftlicher Aufschwung.
Im Jahre 1923 erwirbt die Gießerei von der Chemische Fabrik Grießheim-Elektron eine Lizenz zur Herstellung von Elektronguss. Elektron ist eine Magnesiumlegierung aus mindestens 90% Magnesium und ca. 10% Aluminium. Noch im selben oder im folgenden Jahr beginnt die Firma Becker serienmäßig Aluminiumguss und Magnesiumguss herzustellen, insbesondere für den Automobilbereich. Auch Motorrad-Zylinder fertigt der Betrieb.

Bis 1930 ist die Produktion von Maschinenguss auf Automobilguss umgestellt und in den 1930er Jahren fertigt die Edmund Becker & Co KG insbesondere für die Automobilindustrie. Diese Umstellung verursachte erhebliche Schulden bei Banken, welche zum wirtschaftlichen Zusammenbruch, das heißt Insolvenz, führen. Die Gläubiger bestätigen das beantragte Vergleichsverfahren.
Als Betriebs- und Auffanggesellschaft wird 1931 die Eisen- und Elektrongießerei GmbH Leipzig gegründet, diese besteht bis 1934. Die Kommanditgesellschaft Fa. Becker und Co. wird am 8. September 1934 zunächst in eine offene Handelsgesellschaft (OHG) und am gleichen Tag in eine Aktiengesellschaft (AG) umgewandelt. Die Firma trägt nun den Namen Edmund Becker & Co. AG, Eisen und Leichtmetallgießerei.
Die Leichtmetallgießerei wird 1936 von der Firma abgetrennt und als Metallgußgesellschaft mbH mit Standort in Böhlitz-Ehrenberg gegründet. [Beitrag zur Metallgussgesellschaft mbH (MEGU) folgt]
Bereits seit den 1920er Jahren arbeitet die Firma Edmund Becker & Co verstärkt mit der Adam Opel AG in Rüsselsheim zusammen, die 1942 Aktien an der Firma übernimmt und Großaktionär wird.
Im Zweiten Weltkrieg stellt die Firma Becker unter anderem Gussteile für LKW- und Panzermotoren, Ölwannen sowie Geschossmäntel her. Panzerwaffen machen 75% des Umsatzes des Jahres 1944 aus. Im Jahr 1943 beschäftigt die Firma 880 Menschen. Die Hälfte der Belegschaft sind zu diesem Zeitpunkt ausländische Zwangsarbeiter:innen. Eines der beiden Lager, in denen sie untergebracht sind, befindet sich direkt auf dem Firmengelände an der Junghanßstraße 7.
Das Unternehmen wird nach 1945 enteignet und im Jahr 1948 der VVB GUS (Vereinigung Volkseigener Betriebe Guß- und Schmiedeerzeugnisse Leipzig) unterstellt. Ab 1951 firmiert die VVB GUS als VEB Metallgußwerk Leipzig. Durch die Zusammenfassung der Leipziger Metallgusswerke in der VEB werden auch die einst getrennten Firmenzweige Becker und Metallgussgesellschaft mbH Böhlitz-Ehrenberg wieder vereint.
Objektbeschreibung
Die Fabrikanlage befand sich auf einem Areal, welches durch die Straßen Georg-Schwarz-Straße, Junghanßstraße und Rückmarsdorfer Straße umgrenzt war (siehe Lagepläne). Ab 2004 wurden die noch bestehenden Gebäude größtenteils abgerissen und auf dem ehemaligen Betriebsgelände entsteht das Einkaufszentrum »Leutzsch-Arkaden«. Heute stehen auf dem Gelände nur noch zwei der ursprünglichen Fabrik-Gebäude.
Junghanßstraße 1
An der Junghanßstraße 1 steht die um 1890 erbaute Fabrikantenvilla, die auch als Kontor bzw. Verwaltungs- und Bürogebäude genutzt wurde. Sie wurde saniert und wird heute bewohnt. Es handelt sich hier um einen Bau im Stil des Historismus. Über ein Sockelgeschoss aus Bruchsteinmauerwerk erhebt sich eine Fassade aus rotem Klinker. Auf dieser treten die hellgerahmten Fenster deutlich hervor. Die Fenster sind teilweise zu zweit oder dritt durch eine gemeinsame Rahmung zusammengefasst. An der Straßenfassade sind im Erdgeschoss zwei Fenster mit Dreiecksgiebel zu sehen.

Im ersten Obergeschoss weisen die Fenster einen auffälligen Schlussstein in der Rahmung auf. Oberhalb eines auskragenden Gesimses erhebt sich ein dunkles Mansarddach mit Dachgauben (Giebelgauben). Das Landesamt für Denkmalpflege hebt die erhaltene historische Haustür mit bleiverglastem Oberlicht in ihrer Objektbeschreibung hervor. Sie ist bekrönt durch einen Rundbogen.
Rückmarsdorfer Straße 18
An der Rückmarsdorfer Straße 18 ist das »letzte erhaltene Gebäude eines ehemals ausgedehnten Fabrikgeländes einer Eisengießerei« (Landesamt für Denkmalpflege Sachsen) erhalten. Hierbei handelt es sich um einen, um 1900 erbauten, dreigeschossigen roten Klinkerbau, der heute leer steht. Über einem hellen Sockel befinden sich im Erdgeschoss drei große rundbogige Fenster, sowie links eine rundbogige, geschlossene Tordurchfahrt. Die Fenster in den Geschossen darüber sind jeweils paarweise angeordnet und rechteckig, mit Ausnahme der äußersten beiden Fensterpaaren im obersten Stockwerk, die auch einen rundbogigen Abschluss haben. Alle Rundbögen weisen helle Konsol- und Schlusssteine auf, die eckigen Fenster sind durch einen hellen Fenstersturz zusammengefasst.
Die gesamte Fassade rahmend, verlaufen an den äußeren Gebäudekanten über die gesamte Fassadenhöhe senkrechte Wandvorlagen, sogenannte Lisenen. Diese befinden sich auch zwischen jeweils zwei Fenstern in Höhe des ersten und zweiten Obergeschosses. Sie gliedern und beleben die Fassade. Über der Fassade ist, von der Straße aus, kein Dach zu sehen. Von der Seite ist jedoch zu erkennen, dass es sich wohl um eine Art Mansard-Flachdach handelt, mit zwei steileren Dachflächen und einer annähernd waagerechten Fläche in der Mitte.
Kleiner Exkurs zur sogenannten „Villa Michler“
In der Hans-Driesch-Straße 17 befand sich eine Villa in welcher der Generaldirektor der Eisengießerei Edmund Becker & Co. AG, Herr Konsul Karl (nach alter Schreibweise: Carl) Michler zwischen 1921 und 1945 lebte. Die Villa wird von Baumeister F. Schirmer für die ursprüngliche Besitzerin Jenny Jacob entworfen und ab 1909 erbaut. Nach dem Zweiten Krieg wird die Villa zum Mehrfamilienhaus umgebaut.
Bis zum Beginn der 1990er Jahre bleibt das Gebäude wohl bewohnbar. Brandstiftungen, u.a. im Jahr 2011, zerstören auch das Dach und als Folge dessen gehen in den kommenden Jahren immer mehr Teile der einst großzügigen Gestaltungselemente – Stuck, Ausmalung, Marmorverkleidungen, Bleiverglasung etc. – verloren. Die Villa bleibt als Ruine zurück, der Komplettabriss erfolgt 2020. Im Jahr 2023 werden zwei neuerbaute Stadtvillen auf dem Gelände fertiggestellt.

Quellen
- Bürgerverein Leutzsch [Hrsg.] (2023): Blicke auf Leutzsch, S. 13; Verfasser: Herrn Dr. Horst Siegemund;
https://www.buergervereinleutzsch.de/2025/07/07/blicke-auf-leutzsch/ (zuletzt aufgerufen am 10.01.2026) - Andreas Hönemann, Horst Siegemund: Die ehemalige Industrie in der Franz-Flemming-Straße in Leutzsch, S. 37; https://www.friedhofsverband-leipzig.de/wp-content/dokumente/industrie-ffs.pdf (zuletzt aufgerufen am: 24.01.2025)
- Staatsarchiv Leipzig – Einleitung zum Bestand 20671 Metallgußgesellschaft mbH Böhlitz-Ehrenberg: Geschichte der Metallgußgesellschaft mbH Böhlitz-Ehrenberg; https://www.archiv.sachsen.de/archiv/bestand.jsp?oid=09.02&bestandid=20671&_ptabs=%7B%22%23tab-einleitung%22%3A1%7D#einleitung
(zuletzt aufgerufen am: 24.01.2025) - Staatsarchiv Leipzig – Geschichte zum Bestand 20677 VEB Metallgußwerk Leipzig; https://archiv.sachsen.de/archiv/bestand.jsp?oid=09.02&bestandid=20677&_ptabs=%7B%22%23tab-geschichte%22%3A1%7D#geschichte
(zuletzt aufgerufen am: 06.03.2024) - Denkmalpflege in Sachsen: Junghanßstr. 1, Rückmarsdorfer Str. 18; https://denkmalliste.denkmalpflege.sachsen.de/Gast/Denkmalkarte_Sachsen.aspx?Hinweis=false (zuletzt aufgerufen am: 29.01.2025)
- Geheimtipp Leipzig (2016): Das Konsulat von Panama; https://geheimtipp-leipzig.de/das-konsulat-von-panama/ (zuletzt aufgerufen am: 24.01.2025)
- Leipzig Days (2020): Villa Hans-Driesch-Straße 17; https://www.leipzig-days.de/villa-hans-driesch-strasse-17 (zuletzt aufgerufen am: 29.01.2025)
- architektur-blicklicht:
Industriebau; https://www.architektur-blicklicht.de/industriebauten/industriebau-eisenwerk-edmund-becker-leutzsch-leipzig/
und Villa Becker Leutzsch: https://www.architektur-blicklicht.de/artikel/touren/villa-becker-leutzsch-leipzig/
(zuletzt aufgerufen am: 29.01.2025) - Deutsche Digitale Bibliothek, Schriftgut zu Edmund Becker & Co. AG, Leipzig; https://www.deutsche-digitale-bibliothek.de/item/P2OW3PC6CTRPLVMSBG5OZ2GTHPGFWPK3 (zuletzt aufgerufen am: 29.01.2025)
- Gründungsaktie der Edmund Becker & Co AG, 1934; https://www.reichsbankaktien.de/nav/8639.htm (zuletzt aufgerufen am: 29.01.2025)
- Gedenkstätte Zwangsarbeit in Leipzig – Karte NS-Zwangsarbeit »Metallguß GmbH« und »Lager Junghanßstr. 7«; https://www.zwangsarbeit-in-leipzig.de/karte (zuletzt aufgerufen am: 24.01.2025)
- Website der HAL-Gruppe, einem Nachfolgeunternehmen der Edmund Becker & Co. AG sowie der Metallguß GmbH; https://www.hal-gruppe.de/unternehmen/historie.html (zuletzt aufgerufen am: 24.01.2024)
- Liste der Kulturdenkmale in Leutzsch;
https://de.wikipedia.org/wiki/Liste_der_Kulturdenkmale_in_Leutzsch_(A-K)
https://de.wikipedia.org/wiki/Liste_der_Kulturdenkmale_in_Leutzsch_(L-Z)
(zuletzt aufgerufen am: 29.01.2025) - Liste der technischen Denkmale – Wikipedia; https://de.wikipedia.org/wiki/Liste_der_technischen_Denkmale_in_Leipzig (zuletzt aufgerufen am: 29.01.2025)
- Leipziger Adressbücher: https://www.saxorum.de/adressbuecher (zuletzt aufgerufen am: 24.01.2025)
- Begriffserklärungen: (zuletzt aufgerufen am 07.01.2026)
- NE-Metallguss bzw. -gießerei:
https://www.giessereilexikon.com/giesserei-lexikon/Encyclopedia/show/ne-metall-387/
- Elektron(guss):
https://de.wikipedia.org/wiki/Elektron_(Werkstoff)
- NE-Metallguss bzw. -gießerei:
Autor/in: F. Heyme, Erstellt am 10.11.2020, Revision: 26.11.2023
Überarbeitung: Corinna Klußmann, März 2025 bzw. Januar 2026








