Claudia Grau – MEGU

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Zeitzeugengespräch


»Wie sich der VEB Metallgußwerk Leipzig von einem kapitalistischen Großbetrieb zu einem sozialistischen Großbetrieb entwickelte, welche Kämpfe, Opfer und welchen Fleiß die Arbeiterklasse und alle Werktätigen erbrachten, davon berichtet diese Chronik«

VEB Metallgusswerk Leipzig (1986): »Wir und unser Werk«, S. 4

Claudia Graugeboren 1963 in Leipzig, verheiratet, ein Kind
BerufIngenieurökonom für Metallurgie, Produktionsdisponentin Kolben, Lohnbuchhalterin
FirmaVEB Metallgusswerk Leipzig (MEGU), Merseburger Str. 204;
ehemals Eisengießerei Edmund Becker & Co., gegründet 1883
ProdukteGusserzeugnisse der Fahrzeugindustrie: Motorblöcke, Kurbelwellen, Zylinderköpfe, Kolbenproduktion für Trabant und Wartburg und Motorräder
Betriebszugehörigkeit1980–1989
Briefkopf des VEB Metallgusswerk Leipzig

Bildungsweg & Weiterbildung

1970-1980Polytechnische Oberschule (POS) Leipzig
1980-1982Wirtschaftskaufmann, Spezialisierung Industrie, VEB MEGU
1981Fahrerlaubnis Moped (50ccm) bei MEGU
1982-1985Fachschulstudium in Riesa, Ingenieurökonom für Metallogie,
Ingenieurschule für Walz- und Hüttentechnik in Riesa
1984Praktikum im Stahl- und Walzwerk Riesa;
Lehrgang Programmierung für eine große Wäscherei in Riesa;
Lehrgang Programmierung und Bedienung der Bürocomputer BC 5100 mit PASCAL 1520
1985Lehrgang Geheimnisschutz und Schutzrechtspolitik zum Schutz von Dienstgeheimnissen
Helmut Grau, Vater von Claudia | Foto aus Privatbesitz

Lebenslauf

Claudia wuchs gemeinsam mit ihrem Bruder in behüteten Verhältnissen im Stadtteil Gohlis auf. Die Mutter war gelernte Modistin (Fachkraft für Kopfbedeckung) und der Vater Kaufmann. Später war die ganze Familie eng mit dem VEB Metallgusswerk (MEGU) verbunden. Der Vater arbeitete als Produktionsdisponent, die Mutter war Sachbearbeiterin im Umweltschutz und die Tante war in der Planung tätig. So war der MEGU-Alltag von Kindheit an ein ständiges Thema in der Familie. Diese familiäre Verbundenheit half Claudia später, eine der begehrten Lehrstellen zu erhalten, die in den geburtenstarken Jahrgängen knapp waren.

Bereits in der Schulzeit absolvierte sie eine dreiwöchige Ferienarbeit im Betrieb und bekam erste Einblicke in die Arbeitswelt der Metallgießerei. Im Anschluss an die Lehrausbildung in der MEGU wurde sie zum Fachschulstudium nach Riesa delegiert. Im Betrieb und bei verschiedenen Praktika bemerkte Claudia: »Mit 21 Jahren fühlte ich mich anerkannt und übernahm schon früh verantwortungsvolle Aufgaben.«

Nach dem Studium war Claudia für die Planung der Kolbenproduktion verantwortlich. Die MEGU lieferte für die Fahrzeugindustrie – insbesondere Fahrzeugkolben für Zwei- und Viertaktmotoren für Trabant, Wartburg und Simson. Die Marke ML MEGU war bekannt für die qualitativ hochwertigen Kolben, Zylinder, Kurbelwellen und andere Gusserzeugnisse. Es gab eine Kolbenstraße, dort wurden von den Frauen die Kolbenringe aufgezogen.

Arbeitsbedingungen

Ihre Arbeit führte sie täglich durch das Gießereigebäude, wo im Sommer bis zu 70 Grad Celsius herrschten. In Arbeitsschutzkleidung zählte sie die frisch gegossenen Gussteile und erfasste die Produktionsmengen der jeweiligen Schicht. Da die Schmelzöfen nicht abkühlen durften, wurde in rollenden Schichten gearbeitet. Das bedeutet, dass die Mitarbeitenden regelmäßig zwischen den verschiedenen Schichten (Früh-, Spät-, Nachtschicht) rotierten. Die Beschäftigten erhielten kostenfrei Getränke, wie Milch, Selters, rote Limonade oder Tee.

Claudia arbeitete 43,75 Stunden pro Woche, Arbeitsbeginn war 6:30 Uhr. Damals gab es schon eine S-Bahn-Verbindung von Leipzig-Gohlis zum Industriegelände West. Der Betrieb hatte in den 1980er Jahren rund 2.000 Beschäftigte.

Quelle: VEB Metallgusswerk Leipzig (1986): »Wir und unser Werk«, S. 139

Auf dem Betriebsgelände gab es zwei Kantinen mit je drei Essen zur Auswahl. Manchmal gab es zur Kartoffelsuppe auch eine Banane dazu. Diese nahm Claudia für ihren kleinen Sohn mit nach Hause. Südfrüchte, also tropische Früchte, waren im Einzelhandel der DDR fast nie im Angebot. Auf dem Betriebsgelände gab es auch einen Betriebskonsum und ein Textilgeschäft. In der Vorweihnachtszeit bildeten sich lange Schlangen vor dem Betriebskonsum, um die begehrten Apfelsinen zu ergattern. Da die MEGU ein wichtiger Wirtschaftszweig war, bekamen die Mitarbeiter bevorzugt Dinge wie Bettwäsche, Handtücher und Geschirrtücher im Werksverkauf.

Zur besseren Versorgung der Bevölkerung wurden die Volkseigenen Betriebe verpflichtet, neben der eigentlichen Produktion auch Konsumgüter herzustellen. Die MEGU stellte z. B. Fleischklopfer und das Stahl- und Walzwerk Riesa Edelstahlbestecke her.

Fleischklopfer aus der Konsumgüterproduktion der MEGU

Neuer Werksteil und neue Herausforderungen

Während ihrer Zeit im Betrieb erlebte Claudia viele technische und strukturelle Veränderungen. In der 1980er Jahren errichteten japanische Ingenieure eine neue moderne Graugießerei (Grauguss = Gusseisen mit Grafit). Sieben Jahre nach Vertragsabschluss wurde am 15.2.1987 das neue Werk fertiggestellt. Ein Kontakt zwischen deutschen und japanischen Arbeitern war nicht erwünscht. Claudia bekam dennoch von einem Japaner einen Taschenrechner geschenkt und freute sich riesig. Auch Gastarbeiter aus Mosambik, Kuba und Vietnam waren im Unternehmen beschäftigt.

Später wechselte Claudia in die Lohnbuchhaltung. Dort arbeitete sie mit einer großen »Rechenmaschine« und einem Vervielfältigungsgerät. Die Abteilung Daten-verarbeitung benutzte noch Lochkarten und in der Anfangszeit wurde der Lohn noch bar ausgezahlt. Es war eine verantwortungsvolle Arbeit, das Geld passend in die Lohntüten zu sortieren.

Die Mitarbeiterinnen der Buchhaltung holten die Lohngelder mit dem Betriebsauto, einem Wartburg 353, direkt von der Bank ab. Dies rief gelegentlich auch Kriminelle auf den Plan und so überfielen 1977 zwei junge Männer in Sachsen einen ungesicherten »Lohngeldtransport«. Sie nahmen die Geldkoffer und verschwanden unerkannt. An diesem Tag machten sie rund 400.000 Mark Beute.

Artikel in der Betriebszeitung „Gusswerker“ im Oktober 1989 über die 30jährige Betriebszugehörigkeit von Dagmar Friedrich, der Tante von Claudia Grau

Veränderungen

1988 kam Claudias Sohn zur Welt. Mit Kleinkind wurde der Arbeitsweg beschwerlich und sie hätte den Betrieb gern verlassen. Jedoch hatte sie wegen des Studiums noch eine dreijährige Betriebsbindung.

Dann kam die Wende und alles wurde auf dem Kopf gestellt. Keine einfache Zeit. Mit der Wende brach die Kolbenfertigung zusammen. Claudia verließ den Betrieb 1991.

Nach 1990 wechselte der Besitzer der MEGU mehrmals und nicht zuletzt war auch die Treuhandpolitik für das Aussterben der Gussindustrie verantwortlich. 2020 endete die 130-jährige Geschichte der legendären MEGU, nachdem diese im Oktober 2019 Insolvenz angemeldet hatte. Mit dem Abriss der Fabrikhallen seit 2023 verschwindet ein weiteres Stück Industriekultur im Leipziger Westen.

Soziale Infrastruktur des Betriebs


»Die Gewerkschaftsbibliothek mit ihren gegenwärtig über 13.000 Bänden an schöngeistiger, Sach- und Fachliteratur wird von fast 1000 Lesern genutzt, die 1979 über 16.000mal zum Bibliotheksbuch griffen. Durch die Erschließung sowohl der klassischen Literatur unseres fortschrittlichen kulturellen Erbes als auch der Literatur der Gegenwart leistet die Gewerkschaftsbibliothek einen wertvollen Beitrag zur kulturästhetischen Bildung unserer Werktätigen.«

VEB Metallgusswerk Leipzig (1986): »Wir und unser Werk«, S. 133

  • Speisehaus mit großem und kleinem Saal
  • HO-Konsum
  • HO-Textilverkaufsstelle
  • Kampfgruppe
    »Ihre offizielle Aufgabe war anfangs der Kampf gegen Saboteure und andere ‚Feinde des Sozialismus‘ in der DDR, insbesondere als bewaffneter Betriebsschutz. […] Während der Montagsdemonstrationen 1989 wurden vereinzelt Kampfgruppenangehörige für Sicherungsaufgaben eingesetzt, unter anderem in Leipzig […].«
    https://d-d-r.de/kampfgruppen-geschichte.html (zuletzt abgerufen am 05.01.2026)
  • Neuererbewegung
    »Eine große Bedeutung hat in unserem Betrieb – wie in der gesamten Republik – die Neuererbewegung. Unsere betrieblichen Neuerer befassen sich auf freiwilliger Grundlage beispielsweise mit Verbesserungen auf den Gebieten der Technologie, der Produktion, der Organisation, der Verwaltung, der Erzeugnisqualität, des Gesundheits- und Arbeitsschutzes sowie der Arbeits- und Lebensbedingungen. Wesentliche Arbeitszeit-, Material- und Kosteneinsparungen wurden durch sie erzielt.«
    VEB Metallgusswerk Leipzig (1986): »Wir und unser Werk«, S. 168
  • Betriebszeitung »Das Gußstück« bzw. »Gusswerker«
  • Weihnachtsfeiern für Senioren oder Kinder, Frauentagsfeiern,
  • Betriebsausflüge usw.Betriebsarzt bzw. Betriebspoliklinik Böhlitz-Ehrenberg
  • Regelmäßige Sportveranstaltungen in der Betriebssportgemeinschaft (BSG) Stahl, organisiert vom Vorsitzenden Helmut Grau; Claudia belegte beim Schießen den dritten Platz
  • FDGB-Ferienheime in Erlau bei Suhl und in Langendembach, beide Thüringen
  • Kinderferienlager in Benz auf Usedom
Titelblatt der Betriebszeitung „Gusswerker“ vom Oktober 1989
Aus der Firmenchronik: Claudias Vater (oben) und Claudia beim Schießen (unten) | Quelle: VEB Metallgusswerk Leipzig (1986): »Wir und unser Werk«, S.134

Historische Materialien

Claudia Grau stellt dem Industriekultur Leipzig e.V. folgende historische Dokumente zur Verfügung:

  • Chronik VEB Metallgusswerk Leipzig (1986): »Wir und unser Werk«
  • Verschiedene Fotos
  • Foto eines Fleischklopfers aus der Konsumgüterproduktion

Quellen


Sehr interessanter Bericht über die Arbeiten am MEGU-Werk aus japanischer Perspektive:
Masaru Mita: Brückengänger: ITAKURA Iwao ― Gießerei-Projekt in Leipzig,
https://jdzb.de/de/blog/brueckengaenger-itakura-iwao-giesserei-projekt-leipzig
(aufgerufen am 10.02.2026)


Das Interview führte Silke Mayler am 28.11.2025.

Alle Dokumente und Fotos aus dem Besitz von Claudia Grau.