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Elster-Saale-Kanal

Objekt: Kanal zur Verbindung von Elster und Saale; Saale-Elster-Kanal oder Saale-Leipzig-Kanal genannt

Stadtteil: Lindenau, -Böhlitz-Ehrenberg, Dölzig, Güntersdorf, Wüsteneutzsch, Kreypau

Industriezweig/Branche/Kategorie: Verkehrswesen, Schifffahrt

Kurzcharakteristik: Künstliche Wasserstraße zum Anschluss von Leipzig an die Saale und weiter an die Elbe und Nordsee

Datierung: ab 1933

Objektgröße:

  • der Saale-Leipzig-Kanal vom Lindenauer Hafen bis Schleuse Wüsteneutzsch 19 km, davon 11 km aktuell mit Wasser gefüllt
  • Schleuse Wüsteneutzsch bis zur Saale bei Kreypau ca. 6 km

Ursprüngliche Nutzung:  unvollendetes Bauvorhaben

Heutige Nutzung: Freizeit- und Sportaktivitäten

Objektbeschreibung, Bau- und Firmengeschichte: 

1926 wurde ein Staatsvertrag zum Bau eines Südflügels zum Mittellandkanal beschlossen. Der Baubeginn zur nunmehr als Elster-Saale-Kanal bezeichneten Wasserstraße erfolgte 1933 im Rahmen von Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen der Nationalsozialisten. Kriegsbedingt wurden die Bauarbeiten 1943 beendet. In dieser Zeit wurden gebaut:

  • das Hafenbecken in Lindenau mit Silos,
  • ein ca. 11 km langes mit Wasser gefülltes Kanalstück bis Güntersdorf mit kompletter Ausrüstung, geeignet für Schiffe bis 1000 t
  • ein weiteres 8 km langes trockenes Kanalstück bis Wüsteneutzsch einschließlich des Rohbaues einer Sparschleuse

Im weiteren Verlauf:

  • 11 fertiggestellte Straßenbrücken
  • 1 Eisenbahnbrücke
  • 2 Straßenunterführungen
  • Floßgrabendüker bei Wüsteneutzsch (begonnen)
  • Zschampertdurchlass (geplant)
  • 6 weitere Düker (realisiert)

Im Zuge des Projektes begannen 1938 die Arbeiten an einem Hafen als Endpunkt des Kanals. Es war ein Industrie- und Umschlaghafen mit zwei Hafenbecken mit je 1000 m Kailänge und 70m Breite geplant. 1943 wurden die Arbeiten kriegsbedingt eingestellt. Bis zu diesem Zeitpunkt entstand ein Hafenbecken mit Kaimauer und ein Großteil der Hafenanlagen, u.a. zwei Silogebäude, Gleisanlagen, Straßen und Industrieansiedlungen. Von 1945 bis 1996 wurden die bereits fertiggestellten Speicher- und Lagergebäude des Hafens genutzt. Seitdem verfallen die Gebäude auf dem fast 40 ha großen Gelände zusehends. Seit Herbst 1997 stehen der Lindenauer Hafen und die dazugehörigen Anlagen und Gebäude unter Denkmalschutz. Gegenwärtig wird das Hafenareal als Wohngebiet entwickelt.

Es gibt nach wie vor von unterschiedlicher Seite Bemühungen, die Kanalverbindung zur Saale zu vollenden. Diese Idee scheitert an den Ergebnissen der Wirtschaftlichkeitsberechnungen, da nur von einer touristischen Nutzung ausgegangen wird. Der Frachtverkehr ist nicht mehr vorgesehen. 

Quellen/Literatur/Links:
eigene Kenntnisse
http://www.leipzig-lese.de/index.php?article_id=444
http://www.wasser-stadt-leipzig.de/de/vision.asp
https://de.wikipedia.org/wiki/Karl-Heine-Kanal
http://www.saaleelster.de/index2.html
http://www.wsa-magdeburg.wsv.de/Wasserstrassen/Saale_und_Saale-Leipzig-Kanal/index.ht

https://de.wikipedia.org/wiki/Elster-Saale-Kanal

http://www.saaleelsterkanal.de/index2.html

Stadt Leipzig, Amt für Statistik und Wahlen: „Leipziger Brücken IV – Brücken über den Karl-Heine-Kanal und den Elster-Saale-Kanal 12/10“
Gewässerkatalog 2015-2017 des Regionalen Planungsverbandes Westsachsen

Autor: Helmut Sander / Michael Hartwich / Frank Heyme

Datum: 15.04.2018 / April 2021




DIMO

Titel des Objekts: VEB Dieselmotorenwerk Leipzig (DML, DIMO) | Reformmotorenfabrik

Adresse: Leipzig, Heinrich-Heine-Straße 35

Stadtteil: Böhlitz-Ehrenberg

Industriezweig/Branche/Kategorie: Maschinenbau/Motorenbau

Kurzcharakteristik: Mittelständiges Unternehmen zur Herstellung von Dieselmotoren, später von kompletten Notstromaggregaten.

Datierung: am Standort von 1906 bis 1998

Objektgröße: ca. 20.000 m²

Ursprüngliche Nutzung: Reform-Motorenfabrik 1906 bis 1934

Heutige Nutzung: Industriebrache/ Lagerräume/ Neuansiedlung kleiner Firmen

Bau- und Firmengeschichte:

  • 01.09.1901 Wilhelm Meyer und Wilhelm Hanke gründen in Leipzig-Plagwitz Carl Heinestrasse 35, diagonal gegenüber dem gerade neu gebauten Felsenkeller, die Automobil-Werke Leipzig GmbH.
  • 1904 Umfirmierung in Reform-Motoren-Fabrik G.m.b.H.
  • 1906 zieht das Unternehmen nach Böhlitz-Ehrenberg in ein neu errichtetes Firmengebäude.
  • 1914 bis 1918 die Firma stellt während des 1.Weltkrieges Granaten her, der Motorenbau wird eingestellt.
  • 1920 Wilhelm Meyer wechselt in den Aufsichtsrat und Wilhelm Hanke ist nun alleiniger Geschäftsführer. Es werden drei Prokuristen bestellt.
  • 1934 wird die Firma verkauft und heißt nun H.K. Heise GmbH Maschinenbau.
  • 1935 bis 1945 H.K. Heise GmbH Maschinenbau hat auf Kriegsproduktion umgestellt und fertigt Teile für die Flugzeugindustrie (Zahnräder für die Erla Werke) und Granaten 3,7cm Flak und größere Kaliber.
  • Nach Ende des Zweiten Weltkriegs arbeitete der bedeutende Motorenentwickler Prof. Alfred Jante von 1945 bis 1946 zunächst als Technischer Leiter der H. K. Heise Maschinenbau GmbH in Böhlitz-Ehrenberg bei Leipzig. Die Firma wird 1946 enteignet und wird volkseigener Betrieb. Es werden wieder Dieselmotoren hergestellt.
  • 1958 im Rahmen der internationalen Hilfe werden aus dem Irak und dem Sudan junge Leute in der Dimo zu Schlossern ausgebildet.
  • Entwicklung der Betriebsstruktur und Produktionskapazität ab 1960 und den Folgejahren. Die Belegschaft wächst auf ca. 500 Mitarbeiter.
  • Für die Steigerung der Produktivität und Effektivität erfolgt eine Arbeitsteilung zwischen den Kombinatsbetrieben und eine Spezialisierung der Betriebe auf bestimmte Baugruppen bzw. Bauteile. Im DML werden die Finalerzeugnisse Dieselmotoren und Diesel–Elektroaggregate weiterhin produziert und die Spezialisierung auf Pleuelstangen und Nockenwellen ausgebaut. Die Lieferung der Teile und Baugruppen erfolgt an folgende Werke: Kombinatsstammbetrieb SKL Magdeburg, Elbewerk Rosslau, Motorenwerk Berlin Johannisthal, Motorenwerk Cunewalde und Einspritzgerätewerk Aken.
  • Um die Produktionsvoraussetzungen zu schaffen und zu erweitern, werden zusätzliche Grundstücke und Gebäude erworben. In der Fabrikstraße 19 werden zunächst Hallen im Barackenstil aufgebaut und in den 1970er Jahren dann große Betonmassivbauten errichtet. In der Heinrich-Heine-Straße werden das Gelände und Gebäude der Baufirma Pfeiffer, der ehemalige Kohlenhof und das Papierverarbeitungswerk übernommen. Dort entstehen Sozial- bzw. Verwaltungsräume, sowie Produktionsräume und eine Hochregal-Lagerhalle. Zwei weitere Betriebe werden dem DML angeschlossen und ausgebaut: der Stahl- und Metallbau in Kühren (ca. 50 Arbeitskräfte) und der SKL–Betriebsteil in Oberlungwitz (ca. 190 Arbeitskräfte).

Erzeugnisentwicklung und Produktpalette

1972 bis 1989 Antriebsmotoren für Fluß- und Binnenseeschiffe, Diesel-Elektroaggregate, als Hilfsaggregate für Hochseeschiffe, Notstromaggregate mit automatischem Start für Hochseeschiffe, Krankenhäuser, Hotels und Gewächshäuser, Diesel-Elektroaggregate für Kühlzüge (diese werden im Waggonbau Dessau für den SU- Export verbaut, ca. 150-200 Stck./Jahr), Diesel-Elektroaggregate mit Motoren von ROBUR Zittau für autonome Maschinenkühlwagen (diese werden ebenfalls im Waggonbau Dessau für den SU-Export verbaut, ca. 600 – 1000 Stck./ Jahr geeignet für Startbedingungen bei minus 40 °C)

Im Jahr 1986 erfolgt vom Ministerium für DML eine Freigabe von 15 Millionen DM zum Import von Maschinen aus dem kapitalistischen Ausland, bzw. der BRD. Dafür werden von fünf Firmen aus der BRD hochproduktive, zum Teil automatisierte Sondermaschinen für die Pleuelstangen- und Nockenwellenproduktion geplant und beschafft. Diese Maschinen und Anlagen werden 1989 und 1990 geliefert und installiert. Sie kommen noch für kurze Zeit erfolgreich zum Einsatz und werden dann, wie der gesamte Betrieb, Opfer der neuen Situation.

  • 1990 aus dem VEB wird eine GmbH.
  • 1998 Gesamtvollstreckung.
  • Seitdem verfallen das Gelände und die Gebäude.
  • 2014 wird anlässlich des Tages der Industriekultur in der Industriebrache eine Veranstaltung mit Filmen, Vorträgen, Lesungen, Foto und Videoshow, die 140 Besucher anlockte, durchgeführt.
  • 2016 im Zuge von Neuansiedlungen wird begonnen, die große Halle wieder auszubauen.

Objektbeschreibung: Das Hauptgebäude wurde um 1906 errichtet. In den darauffolgenden Jahrzehnten wurden verschiedene Nebengebäude errichtet, die wiederholt wechselnder Nutzung unterlagen. Das Gelände ist ca. 250 m lang und knapp 100m breit. An der Nordostseite liegt es an der Heinrich-Heine-Straße, an der Südwestseite befindet sich ein Gleisanschluss, der vor allem für die Belieferung mit Rohmaterial wichtig war. Der Direktexport von Motoren oder Diesel-Elektroaggregaten in die Sowjetunion, und andere sozialistische Länder, aber auch ins kapitalistische Ausland wurde im Betrieb vom Zoll abgenommen, in Kisten verpackt und auf Waggons verladen.

Quellen/Literatur/Links:

  • Persönliche Dokumente und Informationen von Helmut Liesaus, Ernst Burghardt, Manfred Winkler, Manfred Eidner
  • Dokumente als Leihgabe des Heimatmuseums Böhlitz-Ehrenberg

Autoren: Helmut Liesaus, Roger Liesaus

Datum: 26.03.2018

Abbildungen:

  • Reformmotorenfabrik1919; Archiv Heimatmuseum Böhlitz-Ehrenberg
  • ReformmotorenfabrikKarlHeineStr2013; Roger Liesaus
  • Reformmotor1910; Roger Liesaus
  • Reformmotor1910Schild; Roger Liesaus
  • ReformmotorenAufDerMesse1918; Archiv Heimatmuseum Böhlitz-Ehrenberg
  • FlakMunition3,7cmIm2WK; Bundesarchiv
  • MaschinenhalleFabrikstr1970erJahre; Archiv Manfred Winkler
  • ProspektDieselmotor1970erJahre; Archiv Ernst Burghardt
  • Dieselmotorenwerke, große Halle2013; Enno Seifried
  • Fabrikansicht2013; Roger Liesaus



KRW

Titel des Objektes:
Kugel – und Rollenlagerwerk Leipzig GmbH

Adresse:
Gutenbergstraße 6, 04178 Leipzig

Stadtteil:
Böhlitz-Ehrenberg

Industriezweig/Branche/Kategorie:
Maschinenbauzulieferer

Datierung:
1934

Kurzdarstellung:
Im Jahre 1934 wurde, unter Leitung von Herrn Friedrich Wilhelm Witte, die Firma „Deutsche Kugellager Fabrik“ DKF (Werk II) auf einer Gesamtfläche, im Leipziger Ortsteil Böhlitz-Ehrenberg, von ca. 57.000 m² errichtet. Die Gründung der Deutschen Kugellagerfabrik GmbH, mit dem Sitz in Leipzig Plagwitz, erfolgte im Jahre 1904.  Die Firma war unter den Leipzigern als „Kullerbude“ bekannt. Die Belegschaft umfasste im Jahr 1939 schon 750 Mitarbeiter und stieg bis zum Jahr 1942 auf 1500 Mitarbeiter.

Objektgröße:
Die Objektgröße umfasst heute (2017) ca. 14.000 m².

Ursprüngliche Nutzung:
Herstellung von Wälzlagern für die Automobil- und Werkzeugindustrie, für Diesel-Flug- und Panzermotoren.

Heutige Nutzung:
Fertigung von hochwertigen Wälzlagern für die Industriebereiche Schwerindustrie, Bahn & Transportwesen, Energie & Kraftwerke, Getriebebau, Maschinenbau sowie Schiffbau & Hafentechnologie.

Bau- und Firmengeschichte:
– 1904 Gründung der der Deutschen Kugellagerfabrik (DKF) in Leipzig-Plagwitz
– 1934 Bau der Werkhallen „DKF“ Werk II in Böhlitz-Ehrenberg
– 8. Aug. 1946 Umwandlung des Betriebes in eine sowjetische Aktiengesellschaft „SAG“
– 1955 Überführung in das Volkseigentum mit der Firmenbezeichnung „VEB DKF Wälzlagerwerk Leipzig“
– 1990 Einbindung in der FAG Konzern mit der Umfirmierung „DKFL deutsche Kugellagerfabrik GmbH“
– 30. Juli 1993 Gesamtvollstreckung
– 20. Dez. 1993 Neugründung des Unternehmens unter dem Firmennamen „KRW Kugel- und Rollenlagerwerk Böhlitz-Ehrenberg GmbH“
– 1998 Umbenennung des Unternehmens in „Kugel- und Rollenlagerwerk Leipzig GmbH“

Objektbeschreibung:
Verwaltungsbau aus Backstein und die Fertigungshallen aus Backstein und in Shed – Dachbauweise.

Quellen:
Unterlagen aus dem Förderverein Ortsgeschichte Böhlitz – Ehrenberg e.V.

Text und Bilder:
Fr. Krüger (KRW) / Hr. Binnemann (KRW) – Stand November 2017




Fritz Schulze

Titel des Objekts: Fritz Schulze & Co.

Adresse: Leipzig, Fabrikstraße 15

Stadtteil: Böhlitz-Ehrenberg

Industriezweig/Branche/Kategorie: Maschinenbau/Metallverarbeitung

Kurzcharakteristik: Mittelständiges Unternehmen zur Herstellung von Stanzteilen aus Blech mit wechselndem, sich den Bedürfnissen der Zeit anpassendem Produktsortiment

Datierung: am Standort von 1928 bis 1994

Objektgröße: ca. 7.000 m²

Ursprüngliche Nutzung: Maschinenbau Firma Wehrmann ca. 1925 bis 1928

Heutige Nutzung: Industriebrache/ Lagerräume

Bau- und Firmengeschichte:
Die Firma Fritz Schulze wurde 1905 in der Körnerstraße als Ein-Mann-Unternehmen gegründet. Zunächst wurden Reparaturarbeiten durchgeführt, aber bald kamen ständige Produktionsaufträge und Mitarbeiter hinzu. Nach drei Zwischenstationen zog das Unternehmen 1928 nach Böhlitz-Ehrenberg in das von der Firma Wehrmann übernommene Firmengebäude. Nach der überstandenen Weltwirtschaftskrise expandierte die Firma in den 1930er Jahren weiter und das nicht nur als Zulieferer von Stanzteilen für Auftraggeber, sondern auch mit eigenen Produkten (weltweiter Vertrieb von Postkartenständern, Entwicklung von Fahrzeugzubehör). Anfang der 1940er Jahre mussten dann Zulieferteile für die Luftfahrtindustrie in Dessau (Junkers) gefertigt werden. Nach dem Krieg machte man sich schnell wieder einen Namen mit notwendigen zivilwirtschaftlichen Produkten. 1972 wurde die Firma verstaatlicht. 1975 kam sie zum Stammwerk des Kombinates Wälzlager und Normteile, dem DKF Leipzig. Die Söhne und Enkel des ehemaligen Eigentümers blieben in leitenden Positionen. Von nun an spezialisierte sich der Betriebsteil 6 auf die Herstellung großer Unterlegscheiben für die Bauindustrie. 1990 wurde die Firma an den Enkel Klaus Schulze rückübertragen. Er führte die Firma bis zur Insolvenz 1992. Danach nutze er das ehemalige Konstruktionsbüro weiterhin zum Handel mit Normteilen, bis er 1994 verstarb. Seitdem verfallen das Gelände und die Gebäude.

Objektbeschreibung:
Das Gelände ist ca. 180 m lang und knapp 40 m breit. An der Nordseite liegt es an der Fabrikstraße, an der Südseite befindet sich ein Gleisanschluss, der vor allem für die Belieferung mit Rohmaterial wichtig war. Das Hauptgebäude wurde um 1925 von der Firma Wehrmann errichtet, die aber in Zahlungsschwierigkeiten geriet und es 1927 an Fritz Schulze verkaufte. In den darauffolgenden Jahrzehnten wurden verschiedene Nebengebäude errichtet, die wiederholt wechselnder Nutzung unterlagen, so zum Beispiel die 1935 errichtet zweite Produktionshalle mit Pausen-Freisitz. Die zunehmend größeren und schweren Pressen konnten auf Grund der Abmessungen und der auftretenden dynamischen Kräfte nicht mehr auf den Stahlträgerdecken des Hauptgebäudes untergebracht werden. Zumeist wurden neue Maschinen ebenerdig auf ein Fundament gesetzt und eine kleine Halle darum gebaut. So zum Beispiel die große Schlagschere der Firma Ruhrmann von 1927, die zum Ablängen des angelieferten Materials bis 1990 in Betrieb war.

Quellen/Literatur/Links:
– Dokumente als Leihgabe des Heimatmuseums Böhlitz-Ehrenberg, z. B. Denkschrift zum 60-jährigen Firmenjubiläum
– Persönliche Dokumente und Informationen von Heiner Matthey

Autor/in: Roger Liesaus

Datum: 28.03.2015

Abbildungen:
– Firmenansicht 1930 aus Denkschrift zum 60-jährigen Firmenjubiläum
– Firmenansicht 1955 aus Denkschrift zum 60-jährigen Firmenjubiläum
– Firmenansicht 2011 Roger Liesaus

 




Ludwig Hupfeld

Titel des Objekts:
Musik – mechanisch und manuell

Adresse:
Ludwig-Hupfeld-Straße 16, 04178 Leipzig

Stadtteil:
Böhlitz-Ehrenberg

Industriezweig/Branche/Kategorie:
Musikinstrumentenbau

Kurzcharakteristik:
Verwaltungs- und Produktionsgebäude

Datierung:
1911

Objektgröße:
ca. 100.000 m²

Ursprüngliche Nutzung:
Fabrik für mechanische Musikmöbel und Klaviere

Heutige Nutzung:
bis 2009 Sitz der Leipziger Pianofortefabrik, seitdem nur einzelne Einheiten vermietet

Bau- und Firmengeschichte:
Die Firma Ludwig Hupfeld wurde 1892 mit dem Ziel gegründet, mechanische Musikinstrumente herzustellen.

Diese waren Ende des 19. Jahrhunderts mehr und mehr in Mode gekommen und so beschloss der Fuldaer Kaufmann Ludwig Hupfeld sich in diese Branche einzukaufen. Er erwirbt 1892 die in Leipzig gegründete Firma J.M. Grob & Co, welche bereits mechanische Musikinstrumente herstellte.
Schon zwei Jahre später (1894) entstehen die ersten Orchestrions aus Leipzig unter Hupfelds Namen. Die Töne werden durch eine geschickte Verknüpfung von Druck- und Saugluft erzeugt. Die Möbel sind entsprechend stattlich und wuchtig und wiegen mehrere 100 kg.
Trotzdem steigt die Nachfrage stetig und schon bald wird eine Werkstatt mit größerer Kapazität benötigt. 1899 entsteht Hupfelds erste eigene Fabrik, strategisch günstig in der Nähe des Berliner Bahnhofs gelegen.

Die Firma treibt die Verbesserung und Weiterentwicklung der selbstspielenden Musikinstrumente voran – allerdings weniger aus Erfindergeist denn aus kaufmännischem Kalkül. Hupfeld kauft 1902 die Firma Helioswerke aus Leipzig-Gohlis auf, deren technisch begabten Eigentümer Ludwig Frömsdorf er als Betriebsleiter einstellt. Dieser zeichnet verantwortlich für die Entwicklung der Phonola (selbstspielendes Klavier als Vorsetzer mit 73-88 Tönen!). 1904 folgt der Phonoliszt, ein ebenfalls selbstspielendes Klavier mit ‚künstlich nuanciertem Vortrag‘.
Der große Coup aber gelang Hupfeld 1909, als er die weltweit erste mechanische Violone auf den Markt brachte. Besonders in Kombination mit dem Phonoliszt (Ph.-Violina) war sie zwischen 1910 und 1914 ein echter Verkaufsschlager.

Die Auftragslage übersteigt wieder schnell die Produktionskapazitäten, sodass bereits 1911 der nächste Fabrikneubau notwendig wird. Erneut beweist Hupfeld Weitblick und bezieht ein ca. 100.000 m² großes Gelände am Kreuzungspunkt zweier Bahnstrecken in Böhlitz-Ehrenberg, damals vor den Toren der Stadt gelegen. Es entsteht das noch heute sichtbare Gebäude (Architekt Emil Franz Hänsel) mit dem 63 m hohen Turm, der zu dieser Zeit die Schriftzüge ‚Hupfeld‘ und ‚Phonola‘ trägt. Im Werk selbst sind ca. 1.500 Arbeiter beschäftigt. Hupfeld produziert vom Holzrahmen bis zu den Notenrollen alles selbst.

Das Geschäft prosperiert bis zum Beginn des 1. Weltkrieges und wird nach dessen Ende sofort wieder aufgenommen. In den Kriegsjahren dreht die Firma fast ausschließlich Granaten.
Hupfeld expandiert und kauft weitere Firmen hinzu: 1918 Rönisch (Dresden), 1920 Grunert (Johanngeorgenstadt) und 1924 Steck (Gotha). Im Jahr 1925 fusioniert er mit der Firma ‚Gebrüder Zimmermann AG‘ zur ‚Leipziger Pianoforte- und Phonolafabriken Hupfeld-Gebrüder Zimmermann AG‘, die mit mehr als 20.000 Instrumenten pro Jahr der größte Hersteller dieser Branche in Europa ist.

Das ist der vorläufige Höhepunkt des wirtschaftlichen Erfolgs, denn durch die Weltwirtschaftskrise 1929 und vor allem durch die sich etablierenden Rundfunksender besteht zunehmend weniger Bedarf an selbstspielenden Musikinstrumenten.
Die Firma verlegt ihre Schwerpunkte auf die neuen Mode-Produkte ‚Rundfunkempfänger‘ und ‚Plattenspieler‘ und erweitert das Sortiment noch um Kino-Orgeln, Kühlschränke und Zigarettenautomaten.
Daneben baute Hupfeld aber immer auch Klaviere zum Selbstspielen. Dieser Zweig wird 1930 in ein Nebenwerk ausgelagert.

Im 2. Weltkrieg wird wieder ausschließlich Kriegsware produziert (Munitionskisten, Treibstofftanks). Die Gebäude überstehen fast unbeschädigt den Krieg.

Danach beginnen unruhige Zeiten: 1946 Enteignung und Tilgung des Namens Hupfeld vom Turm, Beginn der Nachkriegsproduktion mit Marmeladeneimern, Sportgeräten und Möbeln, 1949 Tod Ludwig Hupfelds, ab 1953 auch wieder Bau (kleinerer) Klaviere, die u.a. nach einer Idee des einzigen Sohns Günter Hupfeld entstehen. 1964 Übergang zur Fließbandfertigung, 1967 Gründung der ‚VEB Deutsche Piano-Union‘ (13 Betriebe), deren Stammbetrieb Leipzig ist.
Da Klaviere begehrte Devisenbringer sind, gibt es von Seiten der Politik große Unterstützung. In den 1970er Jahren wird die Ware zu 2/3 ins Nichtsozialistische Wirtschaftsgebiet (NSW) verkauft und nur 10% bleiben für die DDR-Bevölkerung.

Nach der Wende 1989 wird es etwas unübersichtlich. 1990 kommt es zur Auflösung des VEB Piano-Union und das Werk firmiert ab jetzt unter ‚Leipziger Pianoforte GmbH‘. Da die Preise aber – im Vergleich zu vorher – plötzlich Marktniveau haben, brechen fast alle Kunden weg. Noch 1990 kauft ein westdeutscher Unternehmensberater die Firma und betreibt sie bis zum Konkurs 1996 weiter.
Aus der Konkursmasse heraus erwirbt sie die Stuttgarter Klavierfirma Pfeiffer. Man montiert Klaviere der Marken Rönisch und Hupfeld; im Werk sind nur noch ca. 40 Mitarbeiter beschäftigt. Die Modellpalette wird aber stetig erweitert und bis zum Beginn der Finanzkrise 2008 in alle Teile der Welt verkauft. 2009 erfolgt der Zusammenschluss mit der ‚Julius Blüthner Pianofortefabrik GmbH‘, die ‚Carl Rönisch Pianofortemanufaktur GmbH‘ wird gegründet und zieht in die Blüthner-Fabrik in Großpösna. Die Produktion wird bis zum heutigen Tag erfolgreich fortgeführt.

Für originale Phonola-Instrumente gibt es heute einen weltweiten Sammlermarkt. Der Preis z.B. für ein Solophonola Upright Grand beträgt ca. 5.000 EUR.

Objektbeschreibung:
Eindrucksvolles 5-geschossiges Gebäude entlang der Ludwig-Hupfeld-Straße. Es weist einen U-förmigen Grundriss auf und wird markant überragt vom 63 m hohen Turm, der leider seit einiger Zeit aus Sicherheitsgründen mit einem grünen Netz gesichert ist. Der Schriftzug ‚Phonola‘ ist leider nicht mehr vorhanden.
Dafür kann man vor der ehemaligen Haupteingangstür (Wittestraße) im Pflaster des Fußweges das Logo „L.H. 1911″ erkennen sowie über der Hofdurchfahrt in der L.-Hupfeld-Straße den Schriftzug ‚Ludwig Hupfeld A.G.“ erahnen.

Quellen/Literatur/Links:
– Leipziger Blätter Heft 35, Herbst 1999, Seite 28-30
– Die Industriegeschichte von Böhlitz-Ehrenberg; Hrsg.: Förderverein Ortsgeschichte Böhlitz-Ehrenberg e.V. / Werbeatelier Kolb, Böhlitz-Ehrenberg; 2002
http://hupfeld-pianos.de/en/Unternehmen/deutsch.htm (Abruf 04.04.2014)
http://www.pianola.org/reproducing/reproducing_dea.cfm (Abruf 18.05.2014)

Autor/in: Christine Scheel

Datum: Mai 2014

Abbildungen: