Andrea P. – Buntgarnwerke

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Zeitzeugengespräch

Die Sächsische Wollgarnfabrik Tittel & Krüger war eine Spinnerei in Leipzig, hier wurden Kammgarne aus Wolle, Chemiefasern und eine Dreifasermischung hergestellt. Heute ist sie Deutschlands größtes Industriedenkmal und Europas größter Gebäudekomplex der Gründerzeit.

Briefkopf der VEB Buntgarnwerke Leipzig.
Andrea P.geboren 1963 in Bad Schmiedeberg,
verheiratet, ein Kind
BerufFacharbeiterin für Textiltechnik, Garnherstellung
BetriebVEB Buntgarnwerke Leipzig
Betriebszugehörigkeit1979–1981

Auszüge aus dem Gespräch mit Andrea

Lebenslauf und Beruflicher Werdegang

Andrea wuchs als ältestes von drei Geschwistern in der Dübener Heide auf. Ihre Mutter war Gastwirtin und ihr Vater war Maschinist bei der Wasserwirtschaft. Andrea besuchte die Polytechnische Oberschule (POS) und nach der 10. Klasse wollte sie eigentlich Bürokauffrau werden, doch eine Lehrstelle in diesem Bereich, war schwierig zu bekommen. Schließlich erhielt sie einen Ausbildungsplatz bei den VEB Buntgarnwerken in Leipzig.

Im Alter von 16 Jahren zog Andrea weg aus ihrem Heimatort und ins Lehrlingswohnheim nach Leipzig. Nur an den Wochenenden konnte Sie nach Hause fahren. »Das war keine leichte Zeit, das Heimweh war groß«, erinnert sie sich. Zum Glück begann mit ihr auch eine Freundin aus der Heimat die Lehre, das machte den Start etwas leichter.

Die Ausbildung

Während der Ausbildung durchlief sie alle Abteilungen der Spinnerei und lernte die verschiedenen Arbeitsschritte der Garnproduktion kennen – vom Rohmaterial über das Spinnen bis hin zur Qualitätskontrolle. Andrea berichtet über die Arbeitsbedingungen: »Zum Schluss war ich in der Kämmerei, da war es nicht so laut wie in der Spinnerei. Die Arbeit in der Spinnerei war körperlich anstrengend und staubig. Es war ein hoher Geräuschpegel und überall lag feiner Baumwollstaub in der Luft.«

Die Beschäftigten trugen spezielle Arbeitsbekleidung: Schürzen, Haarnetze und feste Schuhe waren Pflicht. Trotz Schutzkleidung blieb die Arbeit gefährlich. Andrea erinnert sich: »Ein kleiner Arbeitsunfall ereignete sich: als ich in den Kamm greifen wollte, verletzte ich mir die Finger. Man musste höllisch aufpassen.«

Nach erfolgreichem Abschluss der Lehre, arbeitete Andrea noch drei Monate in den Buntgarnwerken weiter. Dort wurde im Drei-Schicht-System gearbeitet. Das monatliche Einkommen von 1.100 Mark, war als junge Facharbeiterin sehr gut. »Ich konnte mir einiges leisten und meiner Familie etwas mitbringen. Trotzdem war das Heimweh so groß, dass ich wieder in meinen Heimatort wollte. [Und] schließlich dort in einen anderen Beruf einstieg.«

Das Leben im Betrieb

Es gab eine Betriebskantine, in der täglich frisch gekocht wurde und viele Beschäftigte nahmen dort ihre Mahlzeiten ein. Auch Sportveranstaltungen wurden organisiert, Andrea nahm aktiv daran teil und erwarb ein Sportabzeichen in Bronze. Es gab Betriebswohnungen in der Nähe vom Werk, so hatte man kurze Arbeitswege. Zur Sicherheit und Unterstützung von Bränden, gab es eine Betriebsfeuerwehr. Es kam häufig zu kleineren Bränden, die sofort gelöscht wurden.

In den Buntgarnwerken arbeiteten außerdem Gastarbeiter aus Mosambik. Sie kamen im Rahmen von staatlichen Verträgen zwischen der DDR und Mosambik nach Leipzig und wurden in der Produktion eingesetzt. Sie machten eine dreijährige Ausbildung und lernten die deutsche Sprache. Für viele war das Leben in der DDR eine große Umstellung, doch im Arbeitsalltag begegneten sich die Beschäftigten, trotz sprachlicher Barrieren, auf Augenhöhe – es wurde auch zusammen gefeiert.

Gastarbeiter im Betrieb

Viele mosambikanische Vertragsarbeiter erhielten den versprochenen Lohn nach ihrer Rückkehr in die Heimat nicht. Das Geld kam nie bei ihnen an, sondern wurde für andere Zwecke genutzt. Bis heute versuchen 15.000 Mosambikaner an ihr Geld zu kommen.
(Weitere Informationen über die ‚Madgermanes‘ genannten mosambikanischen Gastarbeiter finden sich z. B. hier: https://de.wikipedia.org/wiki/Madgermanes)

Privatleben

1982 lernte Andrea ihren heutigen Mann kennen. Sie konnten sich nur selten sehen, da die Entfernung zu groß war. »Es gab ja kein Handy – so haben wir uns Briefe geschrieben. Das war natürlich langwierig – es gab einen kleinen Trick: das Betriebstelefon. Er rief mich in der Schicht an, so konnten wir regelmäßig Kontakt halten. Wenn mein Name in der Schicht ausgerufen wurde, wussten natürlich alle Bescheid«, erinnert Andrea sich schmunzelnd. »Ohne das Betriebstelefon, wären wir heute nicht verheiratet. Jetzt sind wir schon 43 Jahre zusammen und erinnern uns gerne an die Zeit zurück.«

Historische Materialien

Andrea P. stellt dem Industriekultur Leipzig e.V. historische Dokumente zur Verfügung:

  • ihren Lehrvertrag
  • einige Fotos aus jener Zeit

Das Interview führte Silke Mayler am 13.08.2025.
Schriftliche Fassung vom 23.10.2025.