Saxonia

Titel des Objekts: Gebrüder Wommer Saxonia-Fleischereimaschinenfabrik

Adresse: Gießerstraße 47, 04229 Leipzig

Stadtteil: Plagwitz; früher Kleinzschocher zugeordnet

Industriezweig / Branche / Kategorie: Maschinenbau / Fleischereimaschinen

Kurzcharakteristik: Verwaltungs- und Wohngebäude mit Fabrikhalle

Datierung: Bau der Gebäude ca. 1905, Fabrikhalle 1923 erweitert

Objektgröße: ca. 4000 qm

Ursprüngliche Nutzung: ab ca. 1907 Gebrüder Wommer Maschinenfabrik, Maschinenbaubetrieb für Fleischereimaschinen SAXONIA

Heutige Nutzung: Rollershop LE (Motorroller; Verkauf und Reparaturwerkstatt). Das Wohn- und Verwaltungsgebäude an der Straßenseite ist derzeit ohne Nutzung.

Bau- Firmen- und Familiengeschichte: Der Schmied Wilhelm Wommer, geb. 1840 im Saarland legte 1870 den Grundstein für die spätere SAXONIA – Fleischereimaschinenfabrik, als er in der Nähe des Leipziger Schlachthofes am Ranstädter Steinweg mit fünf Arbeitern eine kleine Werkstatt in der damaligen Kleinen Gasse 3 eröffnete.
1874 erschuf er die erste Wurstfüllmaschine. 1885 zog die Firma in die Gerberstraße. 1888 wurde der neue Schlachthof in der Südvorstadt fertiggestellt. 1890 zog daraufhin die Firma Wilh. Wommer in dessen unmittelbare Nähe in die Kantstraße. Viele andere Firmen der Fleischwirtschaftsbranche siedelten sich ebenfalls in dieses noch wenig bebaute Gebiet an. 1893 starb der Firmengründer. Seine Söhne Wilhelm und Otto führten zeitweise gemeinsam aber auch einzeln das Unternehmen weiter.
1897 präsentierten sich auf der Sächsisch – Thüringischen Industrie- und Gewerbeausstellung Fleischermeister Nietzschmann und die Maschinenfabrikanten Wilhelm jr. und Otto Wommer mit einem eigenen Pavillon – dem ersten Bau unter dem Begriff Jugendstil. Architekt war Paul Möbius. Im Pavillon wurden Fleischereimaschinen und Gerätschaften gezeigt sowie Fleisch- und Wurstwaren produziert, die im Restaurant des Pavillons verspeist werden konnten.
Ab ca. 1898 wurde das Unternehmen mit dem Namen Gebrüder Wommer geführt. Infolge der ständig wachsenden Ausdehnung des Geschäftes ist 1900 in Leipzig-Kleinzschocher, Gießerstr.33 (mit Gleisanschluss) der neue Firmensitz etabliert worden. Die kleinen Standorte der bisherigen Firmen am Schlachthof (Kantstraße und Altenburger Straße) sind aber z.T. bis kurz nach der Wende verblieben. Die Schließung des Schlachthofes 1991 war einer der Gründe für die Aufgabe dieser Betriebe. Hier waren natürlich die Alltagsgeschäfte bezüglich des Bedarfes z.B. an Fleischereiwerkzeugen optimal.
Um 1907 erfolgte der Umzug in die Gießerstraße 47 (ca. 4000 qm), ebenfalls wieder mit Gleisanschluss. Die Erzeugnisse wie Kutter, Fleischwölfe, Wurstfüllmaschinen in unterschiedlichen Baugrößen und Varianten mit der eingetragenen Schutzmarke SAXONIA wurden nicht nur im Inland hoch geschätzt, sondern weit über Deutschlands Grenzen hinaus in alle Welt verkauft.
Nach dem Tod von Wilhelm Wommer jnr. übernahm 1910 der jüngste Sohn Max das Unternehmen. Er hatte als Marokko-Deutscher in den Jahren 1903-1908 praktische Erfahrungen unter anderem als Prokurist sammeln können. Sein Bruder Karl gründete 1912 ein Unternehmen (Wommer & Weller) für Elektomotoren, welches im Gebäudekomplex des heutigen Museums für Druckkunst in der Nonnenstraße 38 untergebracht war. 1915 wurde das Wommer-Werk gegründet. Maschinen für Wurstfabrikation u.a. sind unter der Schutzmarke Lipsia gefertigt worden.
Ab 1922 erscheint „Lipsia“ im Firmennamen, wohl auch zur eindeutigen Unterscheidung von Gebr. Wommer in der Gießerstraße 47. Häufige Standortwechsel waren für das Wommer-Werk bezeichnend. 1920 waren zirka 200 Mitarbeiter im Unternehmen Gebrüder Wommer beschäftigt. 1923 wurde der Erweiterungsbau der Fabrikhalle fertiggestellt. In den Jahren von 1920 bis 1922 gelang es Wolfgang Ostwald, Vertreter der Leipziger Industrie für die angewandte Kolloidchemie zu interessieren. Für den Aufbau einer Kolloidabteilung an der Universität in Leipzig gewann er auch Max Wommer. 1926 erschien sein Buch „Die elektrolytische Verchromung System Wommer“
1928 wurde die Gebrüder Wommer Aktiengesellschaft gegründet. Im Juli 1937 erwarb der technische Leiter Paul Wilhelmi mit seiner Ehefrau das gesamte Aktienpaket und verwandelte die Aktiengesellschaft in eine offene Handelsgesellschaft. Max Wommer hatte sich aus der Firma zurückgezogen. Die neuen Inhaber firmierten aber weiterhin mit dem in Fachkreisen bekannten werbewirksamen Namen Wommer.
Während des 2. Weltkrieges wurde hauptsächlich das bisherige Produktionsprogramm von Fleischereimaschinen aufrechterhalten. Zusätzlich wurden Lohnarbeiten an Kriegsgeräteteilen als Unterlieferer für große Rüstungswerke ausgeführt. In (4) werden Ostarbeiter, Ukrainer und Griechen erwähnt, die im Lager „Mangold“ in der Diezmannstr. 68 untergebracht waren. Andere Unterlagen sagen aber auch aus, dass sich die Wilhelmis jahrelang (1940-1943) der sog. „Adolf-Hitler-Spende der deutschen Wirtschaft“ verweigerten. Das Firmengelände überstand den Krieg nahezu unbeschadet.
Nach Kriegsende kam das Unternehmen Ende August 1945 durch den SMA-Befehl 124 unter Sequester. Die Eheleute Wilhelmi wurden nach diversen juristischen Auseinandersetzungen aus dem Betrieb „entfernt“. Nach dem Volksentscheid in Sachsen am 30.6.1946 erfolgte am 1.7.1946 die entschädigungslose Enteignung der bisherigen Inhaber.
Am 1.7.1948 erfolgte die Zuordnung der VEB Fleischereimaschinenfabrik Saxonia Leipzig zur VVB NAGEMA. Die Aufgabe des Produktionsstandortes für Fleischereimaschinen und Anschluss an die VEB Druckmaschinenwerke Leipzig als Betriebsteil VI fand 1965 statt.
Nach der Wiedervereinigung 1990 wurde dieser im Zusammenhang mit der Neustrukturierung und Konzentration des Druckmaschinenwerkes Leipzig in der Riesaer Str. als zirkon Druckmaschinen GmbH aufgegeben.
Nutzung 1994 bis ca. 2015: Autohof Kosmalla mit KFZ-Werkstatt.
Aktuelle Nutzung (2017): Rollershop LE (Verkauf, Service und Reparatur von Motorrollern). Das Wohn- und Verwaltungsgebäude ist ungenutzt und entwickelt sich zur Ruine.

Objektbeschreibung4-stöckiges Wohn- und Verwaltungsgebäude mit gelber Klinkerfassade, Nordseite ohne Fenster. Diese Fassadenfläche war mit einer großflächigen Werbung für die Firma versehen. Im hinteren Areal befindet sich eine ebenerdige Fertigungs- und Montagehalle. An der südlichen Seite des Geländes war ein Bahnanschluss entsprechend des Konzeptes der Gleisfinger bzw. Gleisharfe für die vielen Anrainerbetriebe vorhanden.

Quellen/Literatur/Links:
(1) Festschrift zum 50-jährigen Firmenjubiläum
(2) Firmenchronik 1949
(3) Broschüre; Plagwitz: Aus der Geschichte des Vorortes und seiner Industrie 1985
(4) Fremd- und Zwangsarbeit im Raum Leipzig 1939-1945, Leipziger Kalender, Sonderband 2004/1
http://www.wommwomm.de/firmen.html
Familienunterlagen, Adressbücher, Maschinen-Kataloge, Prospekte

Autor: Thomas Wommer

Datum: 22.6.2017

Abbildungen: Archiv der Familie Wommer